Candy Welz · Knoche 2016

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  • 25. Juni 2018 — Elegie auf den roten Briefkasten

    Roter Briefkasten in Termini, Rom

    10 Bilder ›

    Für jeden, der früher Italien bereist hat, war der rote Briefkasten der italienischen Post ein Gegenstand froher Aufmerksamkeit. Er war schön anzuschauen in seiner leuchtend roten, leicht konvexen, gusseisernen Erscheinung mit seinen beiden Öffnungen (eine für die innerstädtische Post, eine für alles andere), die so konstruiert sind, dass man nichts mehr herausbekommt, was je durch den Spalt geschoben wurde. Der rote Briefkasten war das wichtigste Bindeglied zur Heimat.

    Wenn die Ansichtskarten geschrieben und durch den Schlitz ins Innere des Kastens gesteckt waren, atmete jedermann erleichtert auf ob der Erledigung dieser kleinen Bußübung für die Entfernung von daheim. Man konnte hoffen, dass die Postkarten nach gebührendem Zeitablauf nunmehr durch einen anderen Schlitz, den des privaten Briefkastens, beim Empfänger landen und so ihre geheimnisvolle Reise durch halboffene Münder überstanden haben würden. Es sei denn, dass man Jahre später von der Entdeckung eines großen Lagers ausreichend frankierter, aber nicht zugestellter Sendungen bei Ascoli Piceno hören musste, zwischen die auch die eigenen Postkarten geraten sein mochten.

    In bestimmten brennenden Angelegenheiten wurde dem roten Briefkasten sein Rang zwar durch die Telefonzelle streitig gemacht. Aber das Telefonieren von Italien nach Deutschland war lange Zeit nichts, was man ohne Not tat. So schnell, wie es nötig war, konnte man die Telefonmünzen gar nicht in den gefräßigen Apparat werfen, und alle Liebesschwüre hatten etwas Gehetztes oder wurden gar übertönt durch das dauernde Klacken der Gettoni.

    Nun ist es eine Trivialität festzustellen, dass das Ansichtskartenschreiben und das Telefonieren aus Telefonzellen wie alles andere analoge Tun aus der Mode kommen. Es ist bekannt, dass man heute lieber eine WhatsApp mit Selfie aus dem Urlaub verschickt. Eine solche Handlungsweise hat aber gar nichts Bußübungshaftes mehr, sondern ist eine Marketingaktion in eigener Sache.

    Umso verwunderlicher ist es, dass im heutigen Italien die Ansichtskarten noch allgegenwärtig sind. Denn das bunte Angebot auf wackeligen Ständern setzt eigentlich voraus, dass die Handlungskette zu ihrer Beförderung noch funktioniert. Das ist aber gar nicht der Fall: Briefmarken und Briefkästen sind in der Krise. Früher konnten Briefmarken zusammen mit der Ansichtskarte im autorisierten Tabakladen gekauft werden. Aber entweder dürfen dies die Händler nicht mehr, oder es lohnt sich nicht mehr für sie – jedenfalls gibt es in keinem italienischen Tabakladen mehr Briefmarken trotz der vertrauenerweckenden Hinweistafel Sali e tabacchi valori bollati.

    Die sogenannten Briefmarken, die man an den Kiosken oder in den Mini-Supermärkten bekommt, sind solche eines privaten Zustelldienstes (GPS), die ein Drittel teurer sind als die der italienischen Post. Wenn man sich diese hat aufschwatzen lassen, muss man außerdem noch begreifen, was einem Kurzzeit-Touristen selten gelingt, dass die so frankierten Karten nur in die firmeneigenen gelben Boxen geworfen werden dürfen. Die Boxen sehen ganz erbärmlich aus und haben nichts von der Würde der roten Briefkästen. Die Ansichtskarten dieses Dienstes erreichen laut Erfahrungsberichten im Netz ihre Empfänger in der Hälfte aller Fälle.

    Briefmarken der offiziellen Poste Italiane bekommt man nur noch in einem Postamt. In den größeren Filialen muss man am Eingang an einem Automaten ein Ticket mit einer Nummer lösen: und zwar ein Ticket der Kategorie Servizi Corrispondenza e pacchi. Es ist ganz normal, wenn man zunächst die falsche Kategorie, etwa Poste Impresa oder Servizi Finanziari, gewählt hat, dann reiht man sich mit seiner Ticketnummer eben von neuem in die Warteschlange ein. Einmal am Schalter, kann man seine Postkarte einfach da lassen. Aber wehe, man kauft Briefmarken auf Vorrat und schreibt die Karten erst später. Dann beginnt die Suche nach dem Ort, wo sie aufzugeben sind.

    Zwar findet man die vertrauten roten Kästen, wenn man archäologisch geschult ist. Aber oft sind sie mit Graffiti bemalt, von Vandalen zerbeult, mit Reklame beklebt, verborgen hinter Vegetation, in der Farbe verblasst und fast rosa geworden. Manchmal steht Fuori servizio auf den Klebebändern, die sie umschließen. Wenn dieser Hinweis fehlt, hängt es allein von der persönlichen Einschätzung des Liebhabers dieser obsoleten Kulturtechnik ab, ob es sich um einen lebendigen oder toten Briefkasten handelt. Der Empfänger der Ansichtskarte ahnt gar nicht, welcher Dornenpfad hinter den fröhlichen Grüßen für den Absender gesteckt hat.

    In Deutschland gibt es ebenfalls ein Briefkastensterben – so pathetisch muss man das Phänomen benennen. Hier montiert man die Kästen aber ab, während in Italien die Pietät vor dem einstigen zentralen Kommunikationsmittel, das ja nicht nur Grüße aufnahm, sondern manchmal auch unsere Hoffnungen, Lieben, Freuden und Sorgen davon trug, sehr ausgeprägt ist. Die roten Briefkästen werden nicht verschrottet, sie werden in einen Zustand der Agonie versetzt. Wir können sie noch finden und ein letztes Mal zärtlich berühren. Aber ihr Totenglöcklein kann man schon hören.

    Lieber alter roter Briefkasten, was wird aus dir?

    Michael Knoche z. Z. Rom

  • 18. Juni 2018 — Die Zukunft der Vergangenheit. Eine Tagung an der Vatikanischen Bibliothek

    Hebrew Bible 1476

    Während der Papst an diesem heißen Frühsommertag auf dem Petersplatz Pilgergruppen aus indigenen Völkern traf, kamen in Rufweite davon entfernt Wallfahrer ganz anderer Art zusammen: 250 Wissenschaftler und Bibliothekare, die sich für das Thema Digitization and libraries: The future of the past interessierten. Je pointierter die Titel solcher Tagungen formuliert sind, desto trockener fallen meist die Vorträge aus. Fachlich nüchtern ging es tatsächlich zu. Trotzdem waren die sieben Stunden am 30. Mai im Konferenzzentrum des Institutum Patristicum Augustinianum keine verlorene Zeit.

    Die Tagung wurde von der Vaticana und der Bodleian Library (Oxford) gemeinschaftlich veranstaltet. Auch das vorgestellte Digitalisierungsprojekt wurde von 2012 bis 2017 gemeinschaftlich durchgeführt. Beide Bibliotheken haben ihre wichtigsten hebräischen und griechischen Manuskripte sowie Inkunabeln mit Texten antiker Autoren nach allen Regeln der Kunst fotografiert und frei ins Netz gestellt. Umfang: 1,5 Mio. Seiten. Gerade diese Bestände beider Bibliotheken sind in der Wissenschaft bekannt und vielgefragt.

    Warum aber betreiben zwei Bibliotheken aus verschiedenen Ländern ein Projekt zur Digitalisierung jeweils eigener Bestände gemeinsam? Vermutlich wäre es finanziell günstiger und organisatorisch einfacher gewesen, die Arbeiten auf eigene Faust durchzuführen. Aber in diesem Fall scheint der Sponsor Leonard Polonsky, ein Finanzinvestor, es so gewollt zu haben. Er hat nicht zweimal eine Million Britische Pfund, sondern 2 Millionen für das Gemeinschaftsprojekt bereitgestellt. Seine Polonsky Foundation hat schon andere geisteswissenschaftliche Projekte an den Universitäten von Oxford und Cambridge sowie Digitalisierungskampagnen an verschiedenen Bibliotheken weltweit gefördert.

    Aber der kluge Dr. Polonsky, der schon hochbetagt ist und in Rom von seinem Sohn vertreten wurde, hat sich etwas dabei gedacht. Obwohl der Scanvorgang in Eigenregie vor Ort erledigt werden muss, wird das Framing solcher Projekte, wie der modische Fachausdruck heute lautet, immer wichtiger: die Auswahl nach klaren Kriterien, die Auffindbarkeit für die Wissenschaft, die Anwendung hoher Standards in der Technik der Digitalisierung, der Metadaten und der Präsentation auf der Website (das International Interoperability Framework, kurz IIIF), die projektspezifische Öffentlichkeitsarbeit. Denn die reine Verfilmung ist der kleinste Teil der Arbeit. Neunzig Prozent des Aufwands geht in die vor- und nachbereitenden Arbeitsvorgänge.

    Faktoren wie Auswahl, Auffindbarkeit oder gleiche Standards wurden auch von Seiten der Forschung deutlich eingefordert. Im Eröffnungsvortrag sagte der Historiker Anthony Grafton, Princeton University, dies sei essentiell in einer Zeit, in der kein Wissenschaftler sich mehr mit den an einem Ort vorhandenen Quellen begnüge, sondern zum Vergleich Zugang zu Digitalisaten aus einer Vielzahl von Bibliotheken benötige.

    Unter den eigentlichen Fachvorträgen war eine Präsentation von Emma Stanford (Oxford) besonders anschaulich. Sie ist für das Projektmarketing zuständig – ihre Jobbezeichnung lautet Data Curator – und spricht die Wissenschaftlergemeinschaft u.a. über die sozialen Netzwerke an. So postet sie Bilder aus den digitalisierten Manuskripten (vgl. die Abbildung oben mit Tierbuchstaben aus einer hebräischen Bibel des Jahres 1476), macht auf den Erhaltungszustand der Originale einschließlich mancher Kuriositäten aufmerksam (z.B. auf einstmals angebrannte oder mit groben Stichen zusammengenähte Pergamentblätter), stellt Abbildungen aus verschiedenen Ausgaben, z.B. zur Ars Moriendi (Kunst des Sterbens), zusammen oder zoomt in Details, kurzum sie erzählt Geschichten, die neugierig machen. Das kann sogar Lehrer ansprechen, die das Material für den Schulunterricht nutzen wollen. Wichtig sei aber, dass man planmäßig vorgehe, seinen eigenen Ton finde und nicht um billiger Effekte willen die seriösen Interessenten vor den Kopf stoße, sagt die Referentin.

    Das war die erstaunlichste Erkenntnis, die sich am Ende der wohlorganisierten kleinen Tagung beim Zuhörer einstellte: Es erweist sich als sehr sinnvoll, wenn Bibliotheken Digitalisierungsprojekte gemeinsam betreiben. Der Mehraufwand an Zeit und Geld für Abstimmungsprozesse zahlt sich aus in einem erhöhten Wirkungsgrad des Geleisteten. Dr. Polonsky wusste, was er wollte. Er war ein ziemlich erfolgreicher Wirtschaftsmann.

    http:/​/​bav.bodleian.ox.ac.uk/​about-the-project

    Michael Knoche z. Z. Rom

  • 11. Juni 2018 — Goethe blickt aus dem Fenster

    Tischbein Goethe

    Wer wünscht sich nicht, noch mit Pantoffeln an den Füßen, das Hemd nachlässig in den Hosenbund gestopft, also anscheinend hier heimisch und vielleicht gerade aus dem Bett gesprungen, einmal in diese Fensternische zu treten und auf eine römische Szenerie zu schauen? Der hölzerne Laden ist nur halb zurückgeschlagen, durch die offene Hälfte dringt helles Licht. Was die Figur erblickt, bleibt verborgen. Die Körperspannung verrät, dass sich auf der linken Seite etwas Interessantes zeigen muss, denn der rechte Fuß ist leicht angehoben.

    »Nur vom Rücken belauschtest du ihn,« dichtet Paul Heyse, »doch glaubst du in jeder /​ Linie den Hauch zu empfinden des Wohlseins, der aus dem Lichtquell /​ Sich durch Adern und Nerven ergossen. Selbst im Nacken das Zöpfchen, der Fuß, der aus dem Pantoffel /​ Halb sich erhob, die Schnalle, die unterm Kniee den Strumpf hält, /​Jeglicher Zug spricht aus: dem Mann ist wohl; wie ein Halbgott /​ Schlürft er, vom Zwange befreit, den verjüngenden Atem der Frühe.« (Zitiert nach Dorothee Hock: Via del Corso 18, Rom. Eine Adresse mit Geschichte, 2. Aufl. Rom 2014, S. 34.)

    Die aquarellierte Zeichnung von J. H. W. Tischbein ist mit Recht berühmt geworden. Sie verrät viel über Goethes Neugierde auf seine neue Umgebung, aber sie bewahrt als Bild eben auch ihr schönes Geheimnis. Eigentlich ist die Lust zu schauen ihr Thema. Das Original des kleinen Werkes befindet sich in Frankfurt/​M., eine zeitgenössische Kopie davon hängt in der Casa di Goethe in der Via del Corso 18. Die abgeschwächte Aura der Kopie wird wettgemacht durch die Authentizität des Ortes. Man steht tatsächlich im Zimmer der ehemaligen Wohnung des Kutschers Collina, in der die deutschen Künstler untergekommen waren, und kann selber aus dem Fenster in die Via della Fontana blicken – was gerade Besucher aus Weimar gerne tun.

    Das Museum, das in dieser Form seit mehr als 20 Jahren in den Räumen eingerichtet ist, vermittelt einen lebendigen Einblick in Goethes italienischen Aufenthalt, seine Rezeptionsgeschichte und seinen Freundeskreis in Italien. Aber es ist nicht nur ein antiquarisches Interesse, das hier befriedigt werden kann. Der Besucher aus dem Norden wird auch mit seiner eigenen deutschen Italiensehnsucht konfrontiert und kann erleben, wie zeitgenössische Künstler diese ausdrücken oder sie ironisch brechen. Und die italienischen Besucher lernen ihre Stadt anders sehen mit den Augen der deutschen Künstler.

    Zur Zeit wird zusätzlich zur ständigen Ausstellung die La cascata e il lago. Eine grand tour in Objekten und Bildern des österreichischen Künstlers Robert Gschwantner gezeigt. Zuvor war die Schau Farbenlieder über und mit Bildern von Hans Werner Henze zu sehen, der den größten Teil seines Komponistenlebens in der Nähe von Rom verbracht hat. Furore gemacht hat in jüngster Zeit eine Ausstellung über Lady Hamilton mit dem Schwerpunkt Schönheitskult und Antikenrezeption in der Goethezeit (2015), dessen beeindruckender Katalog inzwischen vergriffen und nur noch für viel Geld antiquarisch erhältlich ist, eine andere über den protestantischen Friedhof in Rom (2016), den Cimitero Acattolico, auf dem auch August von Goethe begraben ist (»Goethe Filius Patri Antevertens Obiit …«). Man fragt sich verwundert, wie es eigentlich möglich ist, dass die Direktorin Maria Gazzetti mit ihrem kleinen Team so viele gewichtige Wechselausstellungen zeigen kann.

    Die Casa di Goethe verfügt inzwischen über eine beträchtliche eigene Sammlung, die es ihr erlaubt, solche Ausstellungen nicht nur mit Leihgaben zu bestücken. Zu den ältesten Schätzen gehört das Goethe-Portrait von Andy Warhol und die Goethe-Bibliothek von Richard W. Dorn mit vielen Erstausgaben und Seltenheiten. Der von Claudia Nordhoff erarbeitete Bestandskatalog ist in zwei stattlichen Bänden 2017 erschienen und beschreibt die Stücke von Jakob Philipp Hackert bis Barbara Klemm in mustergültiger Weise.

    Schon Goethe hatte seinen Künstlerfreunden in der Wohnung aus der entstehenden Iphigenie vorgelesen. Auch heute gibt es in der Casa ein umfangreiches literarisches und wissenschaftliches Veranstaltungsprogramm. Durch die Vorträge, Lesungen und kleinen Tagungen wird das Publikum vor Ort ans Haus gebunden. Bald wird zum Beispiel der Halbrömer Durs Grünbein erwartet.

    Das Schöne an der Casa di Goethe ist, dass sie einigen Glücklichen sogar die Möglichkeit bietet, die Zimmer in der Via del Corso quasi mit Hausschuhen zu betreten und sich eine Weile heimisch zu fühlen. Gäste oder Stipendiaten können hier ein wissenschaftliches oder künstlerisches Projekt in Rom voranbringen. Seit der Erweiterung der Casa di Goethe im Jahr 2012 steht ein schön gelegenes Appartement im 2. Stock zur Verfügung. Auch Goethe ist nach seiner Rückkehr aus Neapel und Sizilien in diesen 2. Stock gezogen.

    Der Gast lebt heute aber in einer anderen Art von Wohngemeinschaft. Maria Gazzetti bezieht ihn ganz dezent und unaufdringlich in das soziale und intellektuelle Leben der Casa ein. Die welterfahrene Gastgeberin weiß, wie man das macht. Sie war lange Zeit Leiterin des Literaturhauses Frankfurt/​M. und des Lyrikkabinetts München, bevor sie vor gut vier Jahren nach Rom, ihre alte Heimat, zurückgekehrt ist. Ohne dass der Gast es merkt, öffnet sich dann der Fensterladen und gibt den Blick frei auf das zeitgenössische Rom und all seine aktuellen Befindlichkeiten.

    http:/​/​www.casadigoethe.it/​de/​

    Michael Knoche z. Z. Rom

  • 04. Juni 2018 — Also, nur ein Bild! In der Villa Massimo

    Villa Massimo, Rom

    Es ist eigentlich eine naheliegende Idee: Wenn man fast kein Geld hat und trotzdem eine Ausstellung machen will, darf sie auf keinen Fall zu groß und kompliziert gedacht werden. Vielleicht genügt ein einziges Werk eines Künstlers? Es müsste natürlich ein sehr, sehr gutes Werk eines bekannten Künstlers sein. Halt, noch besser wären vielleicht zwei Werke, wenn man schon in Rom ist und ein deutsches Künstlerhaus betreibt: eines von deutscher und eines von italienischer Seite. Das erzeugt ein Reibungsverhältnis, man interessiert das Publikum beider Länder, und am Ende geht es um mehr als nur ein Bild.

    Joachim Blüher, Direktor der Villa Massimo, schildert, wie er mit dem Kunstkritiker Pratesi zusammen diese Idee ausgebrütet hat: »Am Ende sagte Ludovico Pratesi: ‚Dunque, soltanto un quadro!› (Also, nur ein Bild) und ich bestätigte: ‚Al massimo!› (Höchstens!). Das war dann auch gleich der Titel Soltanto un quadro al massimo

    Die Ausstellungsreihe ist in Rom legendär geworden und erlebte 21 Auflagen in immer neuen Konstellationen: Von Enzo Cucchi/​Georg Baselitz über Mimmo Jodice/​Andreas Gursky bis zu Giuseppe Penone/​Isa Genzken. (Vgl. Joachim Blüher, Ludovico Pratesi: Soltanto un Quadro al Massimo, 2003–2013, Rom 2015)

    Das Ausstellungsformat veranschaulicht gut, wie die Villa Massimo heute ihre Arbeit versteht: Den Künstlerstipendiaten und Gästen Freiraum und Podium für ihre Arbeit zu schaffen und gleichzeitig die italienische Öffentlichkeit neugierig zu machen auf das, was in Deutschland passiert. Bei einer Vernissage kann daher zusätzlich zur Kunst auch mal deutsche Bratwurst, deutscher Doppelkorn oder äußerst gesundes Roggenbrot aus Sauerteig serviert werden. Seinen eigenen Landsleuten gegenüber preist Joachim Blüher aber auch mit beredten Worten, warum das löchrige Weißbrot aus Italien nicht zu verachten ist: In den Teigblasen kann man sehr gut eine kleine Tomate oder ein Stückchen Mozzarella platzieren. Man muss Brote ja nicht immer glatt mit Leberwurst bestreichen wollen.

    Neben den Ausstellungen richtet die Akademie auch Konzerte, Lesungen und Symposien aus – im selben Sportsgeist des Aufskornnehmens tief eingewurzelter Seh-, Hör- und Denkgewohnheiten. Im Juni steht das beliebte Sommerfest bevor, das Blüher diesmal deutlich verkleinern will. Die Herausforderung lautet: Von 6000 Gästen in den Vorjahren runter auf 1800, damit die Atmosphäre wieder stimmt. Aber vielleicht erleichtert die seit einigen Tagen amtierende neue Regierung den Prozess der Schrumpfung, indem sie das deutschlandkritische Klima im Land weiter befeuert und die Lust auf Begegnungen erschlaffen lässt.

    Im Zentrum der Arbeit stehen seit nunmehr einhundert Jahren Stipendiaten aus den Bereichen Bildende Kunst, Literatur, Komposition und Architektur. Jeweils zehn Personen für zehn Monate können kommen, zusätzlich versehen mit einer monatlichen Remuneration von 2500 €, damit die materiellen Sorgen draußen vor dem Portal bleiben können. Damit gehört das Villa Massimo-Stipendium zu den höchstdotierten, angesehensten und begehrtesten Kunstpreisen.

    Die Deutsche Akademie Rom Villa Massimo, wie sie heute offiziell heißt, ist nicht von der deutschen Kulturpolitik erfunden worden, sondern geht auf ein mäzenatisches Geschenk zurück. Eduard Arnhold (1849–1925), ein jüdischer Kaufmann aus Dessau, vermachte das Anwesen sowie ein beträchtliches Stiftungskapital im Jahr 1913 dem preußischen Staat. Der gesamte Akademiebetrieb einschließlich des im italienischen Villenstil erbauten Haupthauses und der Atelierhäuser wurde von Arnhold bereits angelegt. Zum Gelände gehört auch ein vier Hektar großer Park mit Steineichen, Zypressen, Rosmarinsträuchern, antiken Vasen und knirschenden Kieswegen.

    Rosso, der rothaarige Hauskater, der über die Dächer der Atelierwohnungen streift, ist das einzige Lebewesen, dessen Aufenthalt an diesem locus amoenus nicht befristet ist. Er ist wohl auch der einzige, dem das alles selbstverständlich vorkommt und der hier nach einem Wort von Sibylle Lewitscharoff noch nie unter Selbstzweifeln gelitten hat.

    http:/​/​www.villamassimo.de/​de (Wer am Tor klingelt, wird übrigens gerne eingelassen und kann sich im Park umsehen.)

    Michael Knoche z. Z. Rom

  • 28. Mai 2018 — Die europäische Bibliothek in Rom und ein schöner Traum

    Biblioteca Europea

    Welch schöne Idee – eine Biblioteca Europea im Zentrum Roms! Elf Einrichtungen der auswärtigen Kulturarbeit von der Ungarischen Akademie über das Schweizer Kulturinstitut bis zum Goethe-Institut nebst Repräsentanzen der Europäischen Kommission und des Europäischen Parlaments haben sich 2006 zusammengetan, um eine vielsprachige Bibliothek für die Bürger Roms zu fördern. Bücher, CDs, Videos, Kinder- und Jugendliteratur, Tageszeitungen (davon eine deutsche) – insgesamt etwa 30.000 Medien, davon schätzungsweise etwas mehr als die Hälfte in italienischer Sprache bzw. Übersetzung, plus Internetarbeitsplätze stehen bereit. Die Benutzung ist kostenlos.

    Betrieben wird die Bibliothek von der Kommune Rom. Das gut geeignete und schön gelegene Gebäude befindet sich auf dem Gelände des Goethe-Instituts in der Via Savoia 13 in der Nähe der Villa Borghese. Das Goethe-Institut hat aber nicht nur den Ort zur Verfügung gestellt, sondern auch zum Grundbestand viel beigesteuert, nämlich einen Teil ihrer früher an dieser Stelle betriebenen eigenen Bibliothek.

    Der Leserzuspruch scheint das Konzept zu bestätigen: An einem Mittwochmorgen im Mai um 11 Uhr ist fast keiner der 66 Leseplätze mehr unbesetzt. Sehr viele junge Leute sind da. Alle vier Bibliothekarinnen sind stark beschäftigt. Man hört viele halblaute Stimmen, aber das beeinträchtigt die insgesamt emsige Studienatmosphäre nicht.

    Schaut man genauer hin, was die vielen Leser eigentlich machen, so sieht man Erstaunliches: Alle schreiben in eigene Unterlagen oder tippen etwas in ihr Notebook oder befragen das Smartphone. Keiner liest, zumindest kein Buch oder ein anderes Medium aus der Bibliothek. Es scheint sich um Studenten zu handeln, die sich in großer Zahl diesen Ort erobert haben. Die Hochschulen der Stadt sind nicht in der Lage, ihren Studenten ausreichende Studien- und Bibliotheksplätze anzubieten. So hat die Bibliothek zwar eine beeindruckend große Benutzerschaft, die aber mit ihrem Medienangebot nicht viel anzufangen weiß.

    Die engagierte Leiterin der Bibliothek berichtet, dass alle Personal- und Sachkosten außer für das Gebäude heute von der Kommune getragen werden. Deren Bibliotheksausgaben sind angesichts ihres hohen Verschuldungsgrades beschränkt. Von dem ambitionierten europäischen Kulturkonsortium ist nicht viel übrig geblieben. Die Biblioteca Europea droht, eine von 39 Stadtteilbibliotheken Roms zu werden.

    Auf der Website des Goethe-Instituts Rom wird die Biblioteca Europea dreimal so ausführlich vorgestellt, wie dies in der eigenen Homepage geschieht, und als starke Partnerin in hohen Tönen gelobt. Aber es hört sich an wie das Pfeifen im Walde. Denn wenn diese Bibliotheksidee nicht funktionierte, wäre auch das Bibliothekskonzept des Goethe-Instituts gescheitert. In der großen Finanzkrise der Goethe-Institute 2004/​2005 hat man sich zu massiven Kürzungen genötigt gesehen und die bestehenden Ausleihbibliotheken an allen sieben Standorten in Italien (Triest, Turin, Genua, Mailand, Rom, Neapel und Palermo) geschlossen. Zum Ausgleich ist man neue Kooperationen eingegangen, in Rom eben mit dem verheißungsvollen Gemeinschaftsprojekt.

    Ist es nicht an der Zeit, über die Bibliotheken der Goethe-Institute neu nachzudenken, zumindest über die der europäischen Goethe-Institute? Europa galt aus der Binnenperspektive der Münchener Goethe-Zentrale und des Auswärtigen Amts immer als sichere Bank, die notfalls auch eine Zeitlang auf drei Beinen stehen konnte. Die meisten Aufgaben der aus Deutschland entsandten Fachkräfte, glaubte man, könnten fortan auch Ortskräfte erledigen. Kooperationen bis zur Unkenntlichkeit waren das Rezept der Stunde. Die eingesparten Mittel wurden in die Vermittlungsarbeit in anderen, aufstrebenden Regionen der Welt gesteckt. Jetzt sehen wir in vielen Nachbarländern Populismus, Europafeindlichkeit und massiven Deutschenhass wachsen und in Rom zu gemeinschaftsbildenden Faktoren der tonangebenden Parteien werden.

    In dieser Situation scheint mir das alte Konzept einer institutseigenen Bibliothek durchaus einer erneuten Erprobung wert zu sein. Es geht ja nicht um bestimmte Bücher und Medien, die sich ein versierter Zeitgenosse im Internetzeitalter auch schon irgendwie anders beschaffen könnte. (Aber tut er das auch?) Es geht um das profilierte Gesamtangebot, das einen eigenen Sog auslöst. Es geht um die Bibliothek als Raum, in den man sich zwanglos hineinbegeben kann und in dem etwas geschieht. Und ein bisschen geht es auch um die Möglichkeit der Erkennbarkeit unseres Landes.

    Aber erreicht man damit die Menschen, die ein schlechtes Bild von Deutschland und Europa haben? Das werden die Skeptiker fragen. Nein, aber man versorgt alle aufgeschlossenen Menschen mit den Informationen, die sie in ihrem Alltag und ihren politischen Diskursen brauchen. Und gibt ihnen einen Ort. Ein Traum?

    Michael Knoche z. Z. Rom