Candy Welz · Knoche 2016

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  • 15. Oktober 2018 — Sammlungen in Sammlungen von Bibliotheken

    Puppen in der Puppe wie Sammlungen in der Sammlung

    Alte Bibliotheken setzen sich in der Regel aus ursprünglich autonomen Teilsammlungen zusammen. Nur zum geringsten Teil wurden Bücher in der Frühen Neuzeit durch regelmäßigen Kauf im Buchhandel erworben. Typisch war vielmehr die Integration ganzer Nachlässe, Sondersammlungen oder Privatbibliotheken in die öffentlichen Bibliotheken. »Wie bei der Puppe in einer Puppe stehen in einer Bibliothek zahlreiche ineinander verschachtelte Sammlungen« (Wulf D. v. Lucius).

    Nur in wenigen Fällen, etwa wenn es um mittelalterliche Handschriften oder Inkunabeln ging, konnten die Bibliotheken bisher Fragen nach dem Sammlungszusammenhang einzelner Bücher beantworten, weil das Wissen darüber bei diesen besonders wertvollen Objekten zum Standard gehörte. Aber Fragen nach der Herkunft ihrer übrigen Bestände konnten sie meistens nicht beantworten. Es war jahrhundertelang Hauptanliegen der Bibliothekare, die Bestände nach sachlichen Gesichtspunkten und nicht nach Provenienz zu präsentieren. Auch Johann Wolfgang Goethe hat als Chef der Weimarer Bibliothek etwa den privaten Büchernachlass von Herzogin Anna Amalia auf die verschiedenen Fächergruppen aufteilen lassen. So ist er in der Menge der Bestände unsichtbar geworden.

    Aber die kulturgeschichtliche Perspektive auf die eigenen Sammlungen der Bibliotheken setzt sich immer mehr durch. Jürgen Weber spricht von einer Wiederentdeckung der Sammlungen in den Bibliotheken. In den elektronischen Katalogen sind Provenienzdaten immer häufiger recherchierbar. Jetzt geht es darum, auch die Zugehörigkeit der verstreuten Objekte zu den ursprünglichen Teilsammlungen kenntlich zu machen. Für diese Sammlungsbeschreibungen gibt es schon vielversprechende Ansätze, aber noch kein allgemein anerkanntes und überall angewandtes Regelwerk.

    Zu den Ansätzen gehören die Sammlungsdatensätze, die die Herzogin Anna Amalia Bibliothek seit einigen Jahren anlegt. Sie folgen dem Dublin-Core-Standard und informieren u.a. über Inhalt, Umfang, rechtlichen Status, Benutzung, Sammler, Überlieferung und die Beziehung zu anderen Teilsammlungen. Beispiel: Der Datensatz für die Privatbibliothek Goethes

    Da Sammlungen nach bestimmten Prinzipien angelegt sind, sind sie kulturgeschichtliche Gebilde, die von der Forschung nach ihrer Genese und ihrer Bedeutung befragt werden können. Sammlungen geben Objekten einen bestimmten historischen Ort. Zweitens, thematische Sammlungen bestehen in der Regel aus Serien gleichartiger Objekte (z.B. Englische Romane des 18. Jahrhunderts). Die Materialdichte lässt das Typische und das Besondere hervortreten und erlaubt vergleichende Untersuchungen. So können auch für sich genommen wenig originelle Texte zum Sprechen gebracht werden. Drittens grenzen Sammlungen Objekte von der Außenwelt ab und helfen, die überwältigende Vielgestaltigkeit besser in den Griff zu bekommen.

    An einem Beispiel möchte ich erläutern, welchen Nutzen es hat, über die Zugehörigkeit von Objekten in Sammlungen Bescheid zu wissen. So kann ein ehemals tausendfach verbreitetes Reclam-Bändchen mit vier fehlenden Seiten aus der Privatbibliothek von Friedrich Nietzsche, die in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek aufbewahrt wird, für ganz unterschiedliche Erkenntnisinteressen bedeutungsvoll sein. Nehmen wir die Verserzählung Der Gefangene im Kaukasus von Aleksandr Puškin aus dem Jahr 1875. Nietzsche hat es erworben und bei der Lektüre mit Anstreichungen versehen. Daher erlaubt dieses Bändchen z.B. dem Puškinforscher Erkenntnisse über Puškins Rezeption in Deutschland, dem Nietzscheforscher über Nietzsches Interesse an Puškin, dem Leseforscher über Nietzsches Lektürepraxis, nämlich seine Art, mit dem Bleistift zu lesen, oder dem Buchhistoriker Erkenntnisse über Herstellungsprozess und Haltbarkeit von preiswerten Leseausgaben. Aber auch dem Literaturfreund ist gedient, der nur lesen will, was Puškin in seinem Werk geschrieben hat.

    Das Bändchen ist ein gutes Beispiel für ein »boundary object« im Sinne von Susan Leigh Star. Es kann in verschiedenen Kontexten Bedeutung bekommen und von verschiedenen Akteuren interpretiert werden. Man stelle sich vor, welchen Verlust es an Erkenntnismöglichkeiten bedeutete, wenn die Herzogin Anna Amalia Bibliothek die Provenienz dieses für sich genommen wenig originellen kleinen Buches in ihrem Katalog nicht kenntlich gemacht hätte. Jedem, der es in die Hand nimmt, würde sich fragen, warum die Bibliothek ein so defektes Exemplar, das durch einen früheren Leser offensichtlich arg strapaziert wurde, überhaupt aufbewahrt.

    Kurzum: Bibliotheken haben erkannt, dass Sammlungen die Bedeutungsdimension der Einzelobjekte steigern. Sie sind dabei, ihre Bestände mit Kontextinformationen anzureichern.

    Michael Knoche

  • 08. Oktober 2018 — Sollen Bibliotheken auch in Zukunft Sammlungen anlegen?

    Studienzentrum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek

    Die Finanzverantwortlichen in Hochschulen und Ministerien, die die Ausgaben der Bibliotheken kontrollieren, beklagen die angeblich spekulative Erwerbungspraxis der Bibliotheken. Sie werfen den Bibliotheken vor, Bücher und Medien für einen ungewissen Bedarf in der Zukunft zu kaufen, ohne dafür bürgen zu können, dass sie überhaupt gebraucht werden. Können Bibliotheken nicht einfach nur die wissenschaftliche Literatur besorgen, fragen sie, die in Lehre und Forschung gerade gebraucht wird? Dieses just in time-Prinzip habe sich in der Industrie längst bewährt. Die meisten wissenschaftlich relevanten Publikationen lägen doch in elektronischem Format vor.

    Für die Geisteswissenschaften trifft diese Annahme nicht zu. In Deutschland sind 2017 insgesamt 72.000 gedruckte Bücher in Erstauflage erschienen. Wieviele davon parallel in elektronischem Format herausgekommen sind, lässt sich nicht genau sagen. Der Umsatzanteil von E-Books auf dem deutschen Buchmarkt (eine andere Größenordnung) liegt im 1. Halbjahr 2018 jedenfalls bei 6,1 %. Von den Zeitschriften, die die Bayerische Staatsbibliothek abonniert, liegt nur ein gutes Drittel auch in einer elektronischen Ausgabe vor. Ausschließlich gedruckt erscheinen etwa die für die Musikwissenschaft so wichtige Zeitschriften wie »Die Musikforschung«, »Acta musicologica« oder »Musiktheorie«.

    Es wird leicht vergessen: Der größte Teil der urheberrechtlich geschützten Publikationen des 20. Jahrhunderts liegt nur gedruckt vor und ist nur zu einem kleinen Prozentsatz nach deutschem Recht illegal und unvollständig von Google Books ins Netz gestellt worden. Erst ab 2000 gibt es im nennenswerten Umfang legale (d.h. von den Verlagen lizenzierte) E-Book-Ausgaben parallel zur gedruckten Version. Auf die in Mehrzahl der nur in Druckform vorliegenden Literatur können die Kultur- und Geisteswissenschaften aber gar nicht verzichten.

    Für die Kultur- und Geisteswissenschaften ist es daher nötig (für die anderen Fächer ist es nur zu wünschen), dass Bibliotheken, die Relevanz für die Forschung haben, weiterhin Sammlungen aufbauen. Diese Sammlungen stellen eine Mischung aus gedruckten Büchern, anderen Medien und digitalen Ressourcen dar. Die physische Präsentation von gedruckten Büchern sollte idealerweise nach Fachgebieten geordnet erfolgen. Außerdem müssen Bücher wie alle anderen Medien in einem Katalogsystem angezeigt sein, das die Bestandteile der Sammlung nicht nur inventarisiert, sondern nach den Prinzipien von Standardisierung, Normierung, und Linked Open Data angelegt ist. Selbst wenn alle gedruckten Bücher maschinenlesbar durchsuchbar wären, würde die reine Stichwort-Suche zu inkonsistenten Ergebnissen führen. Nur durch die Kombination von systematischer Aufstellung und guter Erschließung ergibt sich die Chance, den Informationswert der Bücher adäquat auszuschöpfen.

    Wenn Bibliotheken an ihrem Sammelauftrag festhalten und weiterhin analoge und digitale Bestände aufbauen wollen, stehen sie vor großen logistischen Herausforderungen und unter besonderem finanziellen Druck. Sie können ihre Aufgabe für die Forschung nur erfüllen, wenn sie sehr viel arbeitsteiliger vorgehen als das früher der Fall war.

    Bibliotheken müssen sich abstimmen, welche Schwerpunkte sie in ihrer Sammlung setzen wollen: in Stadt, Region, Verbund, ggf. auch national und international. Im Grunde können alle Bibliotheksleistungen, nicht nur der Bestandsaufbau, sondern auch Nachweis, physischer Aufbewahrung, Speicherung digitaler Daten und Informationsvermittlung nur noch in abgestimmter Kooperation organisiert werden. Die Nutzer der Bibliotheken sind nicht mehr nur auf den lokal verfügbaren Bestand angewiesen, sondern brauchen einen umfassenden Zugriff auf Publikationen in allen Medienformen.

    Ein Beispiel soll das veranschaulichen: Um ein Sammelgebiet – sagen wir: die Geschichte Ungarns – abzudecken, müssen neben der gedruckten Literatur auch die von Verlagen bereitgestellten E-Books, Datenbanken und sonstigen elektronischen Ressourcen käuflich erworben werden. Sofern sie nur lizenziert werden können, steht zur Diskussion, wie die Bibliotheken den dauerhaften Zugriff organisieren wollen (das Hosting über Portico oder Clockss sind Möglichkeiten, die aber nicht ausreichen). Außerdem müssten die per Open Access zugänglichen Dokumente über die Geschichte Ungarns gespeichert und angeboten werden. Alle Medien brauchen darüber hinaus qualifizierte Metadaten, die in den Katalogen und Suchmaschinen sichtbar sein müssen.

    Das Beispiel soll zeigen, dass selbst bei einem scheinbar kleinen Sammelgebiet die Aufgabe riesengroß ist. Sie muss daher in Teilaufgaben zerlegt und von verschiedenen Partnern gemeinschaftlich erledigt werden. Die Fokussierung auf die eigene Sammlung reicht nicht mehr aus. Die eigene Sammlung muss als Teil eines Netzwerks begriffen werden. Bibliotheken funktionieren nur noch im System. Die Zukunft des Sammelns liegt im kollektiven Sammeln.

    Zum Thema: Die Zukunft des Sammelns an wissenschaftlichen Bibliotheken. Herausgegeben von Michael Knoche, Wiesbaden: Harrassowitz 2017. Inhalt und Abstracts

    Michael Knoche

  • 01. Oktober 2018 — Wie sich ein Privatverlag in der Sowjetischen Besatzungszone behauptete – Hermann Böhlau Nachf., Weimar

    Erinnerungstafel an Hermann Böhlau und seinen Verlag am heutigen Stadtarchiv Weimar, dem einstigen Verlagshaus (Kleine Teichgasse 6) Wikicommons

    Das Gebäude des Böhlau-Verlags in der Meyerstr. 50a, außerhalb der Weimarer Altstadt befindlich, war im Zweiten Weltkrieg zwar durch Bomben leicht beschädigt worden, aber benutzbar geblieben. Es gab keine Verluste an den Verlagsbeständen. Während die auf dem Firmengelände gelegene Druckerei Dietsch & Brückner, die mit Böhlau eng verbunden war, für Reparationszwecke demontiert wurde, konnte der Verlag seine Arbeit fortsetzen.

    Gegründet 1624 als Fürstliche Hofbuchdruckerei in Weimar, entwickelte sich die schon bald darauf privatisierte Druckerei mit angeschlossenem Verlagsbetrieb ab 1853 unter der Ägide des aus Halle/​Saale stammenden Buchhändlers Hermann Böhlau (1826–1900) zu einem der wichtigsten geisteswissenschaftlichen Verlage in Deutschland.

    Seine Schwerpunkte waren Rechtsgeschichte, Literaturwissenschaft und Klassikerausgaben, darunter neben den beiden erwähnten Editionen der Schriften Luthers und Schillers die Sophienausgabe der Werke Goethes, später auch das Jahrbuch der Deutschen Dante-Gesellschaft und das Jahrbuch der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft. In der Weltwirtschaftskrise der 1920er Jahre übernahm einer der Autoren des Verlags, der Rechtswissenschaftler Professor Karl Rauch (1880–1953) den Verlag, später zusammen mit seinem Sohn Karl Wolfgang Rauch (1913–1963).

    Eine Enteignung, wie sie Privatfirmen nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetischen Besatzungszone unter bestimmten Bedingungen drohte, war in diesem Fall unwahrscheinlich, weil die Gesellschafter ausländische Staatsangehörige waren. Die Eigentümer, die nicht ins operative Geschäft eingreifen konnten, mussten sich ganz auf die dreiunddreißigjährige Leiva Petersen als Verlagsleiterin verlassen.

    Petersen nutzte ihre Präsenz vor Ort tatkräftig, um wenigstens Bücher aus den Lagerbeständen zu verkaufen, wenn schon die Produktion nicht leicht wieder in Gang zu bringen war. Ein Gratulant zu Leiva Petersens 70. Geburtstag berichtet, dass sie 1945 Böhlau-Bücher in die Rucksäcke gepackt hätte, um mit ihren Mitarbeitern über die thüringischen Dörfer zu ziehen und einen ambulanten Buchhandel zu betreiben.

    Leiva Petersen (1912–1992) hatte Klassische Philologie, Geschichte und Archäologie studiert und war 1937 an der Universität Frankfurt am Main promoviert worden. Nach ihrem Staatsexamen für das Lehramt an höheren Schulen trat sie 1939 zunächst als Lehrling in den Verlag ein und legte ein Jahr später die Buchhändlergehilfenprüfung ab. Schon während des Krieges mit Leitungsaufgaben betraut, wurde sie offiziell am 1.10.1945 Verlagsleiterin und zwei Jahre später Mitgesellschafterin. Sie blieb bis 1983 die bestimmende Persönlichkeit des Verlags.

    Schon am 12. April 1946 hatte die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) Leiva Petersen eine persönliche Verlagslizenz erteilt. Böhlau gehörte damit zu den ersten neun Privatverlagen, die in der Sowjetischen Besatzungszone eine Erlaubnis zum Weiterbetrieb erhielten. Die Lizenz wurde im Zuge der Umstellung der zuerst verliehenen Lizenzen am 10. Dezember 1947 erneuert. Nach Bildung des Amts für Literatur- und Verlagswesen der DDR musste die Erlaubnis abermals beantragt werden; von bisher aktiven 185 Verlagen wurden nur 65 neu lizenziert, darunter Böhlau. Es war die Zeit, in der ein vergleichbares Privatunternehmen wie der Felix Meiner Verlag vor den Schwierigkeiten kapitulierte, die DDR verließ und in Hamburg neu anfing.

    Karl Rauch hat vorausschauend bereits 1947 in Graz einen neuen Verlag gegründet, der später nach Wien verlegt wurde. Außerdem errichtete er in der Amerikanischen Besatzungszone einen weiteren Verlag (den Simons-Verlag in Marburg an der Lahn), in dem u.a. Zeitschriften wie das Archiv für Kulturgeschichte, das Deutsche Archiv für Erforschung des Mittelalters oder Euphorion weitergeführt wurden. Der Simons-Verlag wurde 1951 in Böhlau-Verlag umbenannt, nach Münster i. W. und schließlich nach Köln verlegt. Jahrzehntelang gab es also den Böhlau-Verlag mit den gleichen Haupteigentümern an drei Standorten in drei Ländern: Weimar, Köln und Wien.

    Schon vor der Lizenzerteilung durch die SMAD hat der Weimarer Böhlau Verlag nichts unversucht gelassen, um neue Bücher herauszubringen. So erschien bereits im Frühjahr 1946 eine Auswahl älterer russischer Lyrik mit Einzelgenehmigung der örtlichen SMAD. Auch eine 117 Seiten umfassende deutsche Gedichtanthologie (Tag- und Jahreszeiten im deutschen Gedicht) mit allein acht Gedichten Stefan Georges erschien als genehmigter Einzeltitel im selben Jahr. Die vermutlich erste Veröffentlichung des offiziell lizenzierten Verlages war ein kleiner Text von Hans-Georg Gadamer, damals Professor für Philosophie an der Universität Leipzig und 1946 zu ihrem Rektor gewählt, über Bach und Weimar. Die Schrift geht auf seine Rede auf den Bachtagen in Weimar im März 1946 zurück und umfasst einen Druckbogen.

    Der neuen Zeit zollte der Verlag in den Folgejahren auch mit Textausgaben russischer Klassiker und sogar einem Russisch-Sprachlehrbuch mit Wörterverzeichnissen und Abbildungen Tribut. Dass solche Kleinpublikationen, die bei einem niedrigen Preis für raschen Umsatz im näheren Umfeld sorgten, bevorzugt wurden, liegt auch daran, dass es erst ab 25. Juni 1947 offiziell möglich war, Drucksachen zwischen den vier Besatzungszonen auszutauschen.

    Der Verlag hat bis 1989 eine Sonderstellung eingenommen: Er gehörte lange Zeit zu den letzten verbliebenen Privatverlagen in der DDR, und er besaß eine hohe kulturpolitische Bedeutung als Verlag verschiedener deutsch-deutscher Gemeinschaftsprojekte, etwa der kritischen Gesamtausgabe der Werke Martin Luthers, der Schiller-Nationalausgabe oder des Deutschen Rechtswörterbuchs. Böhlau zählte zu den kleinen bis mittleren Verlagen – mit zuletzt 24 Titeln pro Jahr und 20 Mitarbeitern. Er hatte Partnerverlage in Köln und Wien, mit denen er so eng wie kein anderer DDR-Verlag zusammenarbeitete. So konnte er für seine Verlagserzeugnisse einen hohen Exportanteil erwirtschaften, im Fall der Luther-Ausgabe z.B. 75 Prozent. Dadurch war er auch als Devisenbringer für die DDR-Wirtschaftspolitik interessant.

    Aus einer in Arbeit befindlichen verlagsgeschichtlichen Studie

    Michael Knoche

  • 24. September 2018 — Der verwünschte 2. September: Das Brasilianische Nationalmuseum brennt

    Brand des Brasilianischen Nationalmuseums, im Vordergrund das Denkmal Kaiser Pedros II.  [Foto: Felipe Milanez, Wikimedia (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=72403076)]

    Als ich am 2. September 2018 an den Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek vor genau 14 Jahren zurückdachte und meinen Blogbeitrag »Die Menschenkette in der Brandnacht« vorbereitete, ahnte ich nicht, dass sich im selben Moment in 10.000 km Entfernung eine andere, vielleicht noch schrecklichere Brandnacht ereignete. In Mitteleuropa kam die Nachricht erst mit Verspätung an und wurde in den Zeitungen unter »Vermischtes« oder im »Feuilleton« gemeldet: Das Brasilianische Nationalmuseum in Rio de Janeiro ist am 2. September 2018 weitgehend abgebrannt.

    Betroffen sind 20 Mio. Museumsstücke, von denen man heute noch nicht weiß, wie viele davon geborgen werden konnten. Aber wenn man die Berichte über das Unglück liest und die Bilder davon sieht, muss man befürchten, dass von diesem umfangreichen Bestand nicht viel übrig geblieben ist. Zum Vergleich: Beim Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek ging es um 200.000 Objekte, die durch den Brand beschädigt oder vernichtet worden waren (der Gesamtbestand umfasste knapp 1 Mio. Einheiten). Das Desaster von Rio ist von biblischem Ausmaß. Es berührt die ganze Welt.

    Das Brasilianische Nationalmuseum ist das größte Naturkunde-Museum Südamerikas und eines der ältesten in der Welt. Das Museum war nicht nur ein einzigartiges Forschungszentrum, sondern auch eine Bildungsstätte für unzählige Schüler- und Studentengenerationen. Es enthielt Artefakte, die für das kulturelle Selbstverständnis des Landes und des Kontinents und das historische Gedächtnis der Menschheit wichtig waren. So befand sich in dem ehemaligen Schloss des portugiesischen Königs und der kaiserlichen brasilianischen Familie etwa das älteste jemals in Amerika gefundene Skelett mit dem Kosenamen »Luzia«. Es soll mindestens 11.000 Jahre alt sein.

    Die Sammlung wurde in mehr als zwei Jahrhunderten durch Expeditionen, Ausgrabungen, Erwerbungen, Schenkungen und Tauschgaben geformt und in sieben Bereichen ausgebaut: Geologie, Paläontologie, Botanik (mit botanischem Garten), Zoologie, Anthropologie, Archäologie (mit einem besonders wertvollen altägyptischen Bestand) und Ethnologie. Das Museum beherbergte neben einem historischen Archiv auch eine der größten Spezialbibliotheken Brasiliens mit knapp 500.000 Bänden und 2.400 seltenen Werken, die allerdings separat untergebracht war und verschont geblieben zu sein scheint.

    Viele Details erinnern mich an den Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. In Rio war das Feuer kurz nach Schließung des Gebäudes für die Besucher um 19.30 Uhr ausgebrochen (in Weimar ebenfalls zum Ende der Öffnungszeit um 20.25 Uhr). Hier wie dort waren schnell viele Mitarbeiter zur Stelle und haben aus dem brennenden Haus Objekte gerettet. Dabei wurden sie von einer sehr engagierten Feuerwehr unterstützt, die erkannt hatte, welche Werte auf dem Spiel standen. Hier wie dort wurden in den Vorjahren Reparaturen durch Spendenmittel (in Rio durch Crowdfunding) finanziert, weil die regelmäßige Bauunterhaltung finanziell nicht abgesichert war. Jahrelange Klagen der Direktion über den maroden Zustand des Gebäudes waren vorausgegangen und der Einbau eines modernen Brandschutzsystems angemahnt worden. In beiden Fällen war die Sanierung des Gebäudes aber beschlossen.

    Man kann sich leicht vorstellen, wie verzweifelt die Museumsleute in Rio jetzt sind, die nicht nur mitansehen müssen, wie ihre eigene kuratorische Arbeit, sondern die vieler Vorgängergenerationen in Rauch aufgegangen ist. Es ist zu vermuten, dass die brasilianischen Kollegen mit guten Tipps und Patentrezepten aus aller Welt überflutet werden und zum Trost auch gleich die trivialsten Ersatzobjekte, meistens in wohlmeinender Absicht, geschenkt bekommen. Ich habe eine Woche nach dem Brand ein Paket mit Trödelware (angestoßener Kaffeekanne, Zuckerdose etc.) zugesandt bekommen mit der Empfehlung, diese Dinge doch zu verkaufen und mit dem erlösten Geld die Bücherrestaurierung zu finanzieren. Die Gefahr, dass die unmittelbar Betroffenen alle Anstrengungen als sinnlos betrachten, ist groß. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie wichtig in den ersten Tagen nach dem Unglück Anteilnahme und Solidaritätsbekundungen sind.

    Besonders hilfreich sind natürlich auch finanzielle Zuwendungen, weil man Planungen darauf aufbauen kann. Willkommen waren in Weimar auch Beratungsangebote zu Spezialfragen, etwa zum Vorgehen bei der Restaurierung brandgeschädigter Buchobjekte. Aber wirksam werden konnte das Expertenwissen erst nach einer bestimmten Zeit. Im Moment müssen die Fachleute in Rio de Janeiro unter hohem Handlungsdruck eine Unzahl an Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen treffen – ohne Rücksprache mit der Fachcommunity oder langwierige Literaturrecherchen. Die Anforderungen an ihre persönliche Kompetenz und psychische Belastbarkeit sind immens.

    Die deutsche Bundesregierung hat richtig reagiert und 1 Mio. € als Soforthilfe zur Verfügung gestellt. Außerdem ist im Außenministerium im Referat »Kultur- und Medienbeziehungen Afrika, Asien, Australien/​Pazifik, Lateinamerika« ein Koordinierungsbüro eingerichtet worden, das am 21. September verschiedene deutsche Experten nach Berlin eingeladen hat.

    Die herrschende Gedankenlosigkeit im Umgang mit der kulturellen Überlieferung kann die Fliehkräfte in den Gesellschaften verstärken. Wenn es keinen gemeinsamen Bezugspunkt auf die Geschichte mehr gibt, weil sich ihre materielle Basis aufgelöst hat, bleibt wenig übrig, woran sich eine Gesellschaft orientieren kann. Die offensichtlich durch Fahrlässigkeit begünstigten Katastrophen von Weimar und Rio jeweils am Unglückstag des 2. September dürfen sich nicht wiederholen! Der biblische König Belsazar brauchte nur ein einziges Menetekel, um zu verstehen, dass seine Herrschaft gefährdet war.

    Aktuell und informativ: https:/​/​en.wikipedia.org/​w/​index.php?title=National_Museum_of_Brazil&uselang=de#2018_fire

    Michael Knoche

  • 17. September 2018 — Südtirol – ein Bibliothekswunderland

    Die Südtiroler Landesbibliothek "Dr. Friedrich Teßmann", Bozen-Gries

    In Bozen, westlich der Talfer, liegt der Stadtteil Gries mit 30.000 Einwohnern und dem Benediktinerkloster Muri-Gries. Nahe den alten Rebgärten jenseits der Klosteranlage, wo die autochthone Rebsorte Lagrein angebaut wird, gedeiht auch ein anderes bodenständiges Gewächs von unverwechselbarem Charakter, die Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann.

    Eine Landesbibliothek in Italien? Alte Stadtbibliotheken gibt es in Hülle und Fülle, aber ein Bibliothekstyp, der in Deutschland meist aus ehemaligen Hofbibliotheken entstanden ist, so wie etwa die Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, ist in Italien unbekannt. Tatsächlich ist auch die Bozener Tessmann eine neuere Gründung: Als Landesbibliothek im engeren Sinne ist sie erst 36 Jahre alt. Ihre Entstehung hängt mit den kulturellen Selbstbestimmungsbestrebungen der Südtiroler zusammen, die sich nach dem Anschluss an Italien (1920) unterdrückt fühlten und alles daran setzten, ihr kulturelles Erbe zu bewahren. Dadurch sind Arbeit und Aufgaben der Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann, der einzigen wissenschaftlichen Universalbibliothek Südtirols, geprägt. Ihre Dienstleistungen richten sich vorwiegend an die deutsche und ladinische Bevölkerung.

    Die Landesbibliothek verfügt über etwa 500.000 Bücher und andere Medien und sammelt vorwiegend deutschsprachiges Schrifttum aus den verschiedenen Wissensgebieten. Vollständigkeit strebt sie bei dem von Südtirolern verfassten, Südtirol betreffenden und in Südtirol erschienenen Schrifttum an. Besonders berücksichtigt werden auch Veröffentlichungen aus dem Raum des historischen Tirol. Es besteht ein Pflichtexemplarrecht, d.h. zwei Exemplare jeder in der Provinz erscheinenden Publikation müssen an die Teßmann bzw. an ihr italienisches Pendant abgeliefert werden.

    Ja, es gibt auch ein Gegenstück zur Teßmann, die italienische Landesbibliothek »Claudia Augusta« im Bozener Kulturzentrum Trevi. Sie ist deutlich jünger (gegründet 2000), kleiner (35.000 Bände) und hat auch keine koordinierenden Aufgaben. Aber da die Einwohnerschaft Bozens zu mehr als 60 Prozent italienschsprachig ist (auf Südtirol insgesamt bezogen, ist es umgekehrt), versteht man, dass es sie geben muss. Im übrigen gibt es in Bozen noch die Stadtbibliothek »Cesare Battisti« und die Bibliothek der Freien Universität sowie eine Reihe von Spezialbibliotheken.

    Ist dies schon eine sehr komfortable Bibliothekssituation, gerät man noch mehr ins Staunen, wenn man sich die Lage in den anderen Städten, in den Dörfern und Bergdörfern anschaut. Gab es früher in Südtirol nur vereinzelte, von kirchlichen Institutionen geführte, bescheidene Bibliotheken, finden wir heute in Brixen, Lana, Marling, Neumarkt, Riffian, Vahrn und wie die 116 Gemeinden alle heißen, geräumige, funktionelle und architektonisch gelungene Bibliotheken – öffentlich genutzte Bibliotheken, Schulbibliotheken oder Einrichtungen mit gemischter Nutzung. Jede Bibliothek ist in der Regel hauptamtlich geleitet, gut ausgestattet und präsentiert sich attraktiv.

    Dieser Errungenschaft verdankt sich einem Bibliotheksgesetz, das die autonome Provinz Bozen nach dem mühsam errungenen Autonomiestatut von 1972 beschließen konnte. In 17 von 25 EU-Staaten gibt es Bibliotheksgesetze. Die meisten ihrer Art sind zahnlose Tiger und enthalten nur Absichtserklärungen (z.B. das Thüringer Bibliotheksrechtgesetz vom 16.7.2008). Aber neben den Bibliotheksgesetzen Kataloniens (1993) und Dänemarks (2000) ist das Südtiroler Landesgesetz vom 7. November 1983 zur »Regelung der Weiterbildung und des öffentlichen Bibliothekswesens« eine rühmliche Ausnahme. Denn es sorgt dafür, dass die vorgeschriebenen Standards in Bezug auf Raumgrößen, Medienbestand und Öffnungszeiten tatsächlich umgesetzt werden. Das Land vergibt entsprechende Zuschüsse an die Gemeinden.

    Das ist aber noch nicht alles. 1990 wurde ein Schulbibliotheksgesetz erlassen, das das Bibliotheksgesetz ergänzt. Seither kann man sich auch eine Schule in Südtirol ohne Bibliothek nicht mehr vorstellen. Alle 29 Oberschulen haben eine Bibliothek – mit einem Medienbestand von jeweils mehr als 10.000 Einheiten und hauptamtlicher Leitung. Sogar die Hälfte aller 271 Grundschulen, die oft weniger als fünf Klassen haben, verfügt über eine jederzeit zugängliche Bibliothek, in der die Schüler einzeln, aber auch gruppen- oder klassenweise lernen können.

    Die Arbeit mit Schülern der Oberschulen bestimmt auch die Arbeit der Teßmann. Ständig sind Schulklassen zu Führungen und Schulklassen im Haus. Jetzt ist ein digitales »Schülerportal« in Planung, das den Vorzug hat, allen Schülern in Südtirol gleichermaßen zugute zu kommen. Mit dem Südtiroler Leseausweis können die Leser einer Bibliothek auch in einer anderen Bibliothek Medien ausleihen, ohne dort eingeschrieben zu sein. Jeder Leser kann sich auch bei Biblio24 anmelden und dann von welcher Almhütte aus auch immer eine große Bandbreite digitaler Medien wie E-Books, E-Zeitungen, E-Magazine, E-Audios und E-Videos ausleihen. Dies ist ein Angebot der Teßmann und des sehr professionell agierenden Amtes für Bibliotheken und Lesen in der Südtiroler Landesverwaltung.

    Für die Zukunft ist ein Bibliothekenzentrum geplant, dessen Standort sich unmittelbar gegenüber dem heutigen Bibliothekssitz der Teßmann befindet. Es soll unter einem Dach neben der Teßmann-Bibliothek auch die seit 1928 bestehende Stadtbibliothek Bozen und die italienische Landesbibliothek zu einer Südtiroler Verbundbibliothek zusammenschließen. Diese bleiben selbständig, betreiben aber bestimmte Serviceleistungen gemeinsam und präsentieren sich in einem Gebäude. Das wäre eine innovatives Modell, das kaum Vorbilder hat. Es würde eine zentrale wissenschaftliche Universalbibliothek für Südtirol mit 1.100.000 Medieneinheiten entstehen, aber auch ein Kultur- und Bildungszentrum für die Bevölkerung der Stadt Bozen.

    Die Planung ist schon 2014 abgeschlossen worden. Es liegt ein sehr guter Architektenentwurf des Büros Christoph Mayr-Zingerle vor. Zur Zeit gibt es Schwierigkeiten auf Seiten des Bauträgers. Aber man ist optimistisch, im kommenden Jahr mit den Bauarbeiten beginnen und sie 2021 abschließen zu können. Dann wird man endgültig sagen müssen: Südtirol ist ein Bibliothekswunderland!

    http:/​/​www.tessmann.it/​de/​home.html

    Michael Knoche