Candy Welz · Knoche 2016

Blogartikel

‹ alle Blogartikel anzeigen

Aktuelle Einträge

  • 18. Februar 2019 — Aschenputtel in Altenburg – das Lindenau-Museum

    Das Lindenau-Museum - noch ist es Nacht

    Wenn es eine Rangliste der am meisten unterschätzten Kultureinrichtungen in Deutschland gäbe, würde das Lindenau-Museum in Altenburg/​Thüringen einen der vordersten Plätze einnehmen.

    Ausgerechnet der Haushaltausschuss des Bundestages, der bisher nicht als Versammlung von Kennern und Liebhabern der Kulturszene bekannt war, hat vor ein paar Wochen eine Entscheidung getroffen, die geeignet ist, diese Liste auf den Kopf zu stellen. Er bewilligte dem Altenburger Museum die sagenhafte Summe von 24 Mio. €, die vom Freistaat Thüringen und dem Landkreis auf 48 Mio. € verdoppelt wird. Damit kann das Gebäude, ein Erweiterungsbau und der umliegende Schlosspark saniert und zeitgemäß eingerichtet werden. 2023 könnte das Lindenau-Museum wieder ein kultureller Leuchtturm sein.

    Das erstaunliche Museum wurde 1848 von dem Staatsmann, Astronomen und Mäzen Bernhard August von Lindenau (1779–1854) gleichzeitig mit einer bis heute bestehenden Kunstschule gegründet. 1876 wurde das imposante heutige Museumsgebäude von einem Schüler Gottfried Sempers fertiggestellt. Seinen Ruf verdankt das Museum vor allem einer einzigartigen Sammlung von 180 frühitalienischen Tafelbildern. Es beherbergt aber ebenfalls antike Vasen, eine Abguss-Sammlung, Korkmodelle römischer Ruinen, eine gediegene Kunstbibliothek sowie Gemälde, Grafik und Plastik der neueren Zeit, neben einem wenig bekannten Schwerpunkt in den 1920er Jahren vor allem die größte Sammlung von Werken Gerhard Altenbourgs.

    Seit Jahren beklagt das Museum, das vom Landkreis Altenburger Land mit Zuschüssen des Freistaats Thüringen betrieben wird, seine Platznot, den Zustand der veralteten Depots sowie die fehlende Barrierefreiheit und Klimatisierung der Ausstellungsräume. Nach dem Amtsantritt des neuen Direktors Roland Krischke legte das Museum im Frühjahr 2017 eine Neukonzeption mit dem Titel Der Leuchtturm an der Blauen Flut – Das neue Lindenau-Museum und die Altenburger Trümpfe vor. Danach sollen Büros, Depots, Werkstätten und die Grafische Sammlung aus dem Bestandsgebäude ausgelagert werden, um mehr Platz für die Dauerausstellung, die Kunstschule, Kasse, Verkaufsstelle und zeitgemäße sanitäre Anlagen zu gewinnen. Als Erweiterungsgebäude ist der im Besitz der Stadt Altenburg befindliche Marstall ins Auge gefasst.

    Altenburg ist eine ehemalige Residenzstadt im Osten des Freistaates Thüringen und liegt ca. 50 km südlich von Leipzig. Es verfügt über eine sehr gute S-Bahn-Verbindung zur boomenden Metropole. In Altenburg gibt es eine Vielzahl von herausragenden Baudenkmalen vergangener Jahrhunderte, vor allem das Stadtbild beherrschende Schloss. Im 19. Jahrhundert war die Stadt Produktionsstätte der Lexika von Brockhaus und Pierer, auch Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung wurde hier gedruckt.

    Die ganze Altenburger Kulturlandschaft ist von ihrer Substanz her geeignet, zu einem weithin ausstrahlenden und touristisch anziehenden Ensemble entwickelt zu werden. Dazu ist es nötig, Kultureinrichtungen und Museen der Stadt neu zu denken und vor allem das Schloss- und Spielkartenmuseum in ein Gesamtkonzept zu integrieren. Es verfügt ebenfalls über völlig unzureichende konservatorische Bedingungen in den Ausstellungsräumen und Depots. Auch die Trägerschaft des Museums durch eine städtische Gesellschaft, die Marketing-, Museums- und sonstigen kulturelle Aufgaben miteinander vermischt, hat sich, wie auch schon andernorts, z.B. in Gotha, nicht bewährt.

    Die kräftige Förderung aus Berlin und Erfurt kann als Aufbruchsignal für die Stadt verstanden werden, die heute mit demografischen und wirtschaftlichen Problemen schwer zu kämpfen hat. Sie hat jetzt die Chance, sich durch Kultur- und Tourismusimpulse eine neue Perspektive zu erarbeiten. Das Lindenau-Museum wird bald nicht mehr als Aschenputtel, sondern als schön geschmückte Königsbraut dastehen.

    https:/​/​lindenau-museum.de/​

    Michael Knoche