Candy Welz · Knoche 2016

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  • 14. Mai 2018 — Früher hatte kein hiesiger deutscher Künstler ein Buch

    Casa di Goethe Roma

    Als Carl Ludwig Fernow (1763–1808) eine Professur an der Universität Jena erhielt und 1804 Privatbibliothekar Herzogin Anna Amalias wurde, qualifizierte ihn für diese Ämter im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach vieles. Entscheidend aber war sein neunjähriger Aufenthalt in Rom, der ihn zu einem der genauesten Kenner der italienischen Kunst- und Sprachgeschichte, aber auch der aktuellen kulturellen und politischen Verhältnisse Roms gemacht hatte.

    In Rom schrieb Fernow Beiträge für den Neuen Teutschen Merkur und andere Organe, führte Fremde durch die Stadt und hielt vor den deutschen Künstlern Vorlesungen über ästhetische Themen. Um seinen Zuhörern die Möglichkeit zu bieten, die angesprochenen Themen durch Lektüre zu vertiefen, aber auch um selber stets aktuell informiert zu sein – z.B. musste die von Schiller gegründete Zeitschrift Die Horen bald nach Erscheinen zur Kenntnis genommen werden – kam er 1795 auf die Idee, in Rom eine Lesegesellschaft für die in Rom lebenden deutschen Künstler, Kunstgelehrten und sonstigen Interessenten ins Leben zu rufen. Bücher wurden auf gemeinsame Kosten erworben und konnten unter den Mitgliedern zirkulieren. Denn »ehe Carstens nach Rom kam,« schrieb Fernow an Wieland, »hatte fast kein hiesiger deutscher Künstler ein Buch. … Keiner hat je einen Livius, Diodor, Herodot u.a. gelesen.«

    Ein Teil dieser merkwürdigen Gemeinschaftlichen Lesebibliothek der Deutschen ist jetzt wieder aufgetaucht. Die Bände sind deshalb so interessant, weil sich Widmungen, Marginalien, Skizzen, die Namen der Entleiher und andere Provenienzspuren erhalten haben. Sie lassen erkennen, mit welchen Themen sich die deutschen Künstler in Rom beschäftigt und wie sie sich Wissen angeeignet haben. Die von Fernow angeschaffte Livius-Ausgabe von Johann Philip Ostertag (1791) ist z.B. im Bestand.

    Fernows Lesebibliothek mit seinen noch erhaltenen etwa einhundert Exemplaren ist später Eigentum des Deutschen Künstlervereins (1845 ff) geworden, in dessen Bestand auch die Bibliothek der Deutschen (1821 ff.) und die Bibliothek der deutschen Künstler (1832 ff.) eingegangen sind. Insgesamt 4700 Bände dieser unterschiedlichen Büchersammlungen sind seit 2012 in der Casa di Goethe in Rom zusammengeführt und nach der alten Ordnung aufgestellt. Der Bücherschatz wird nun im Rahmen eines DFG-Projekts von Ulf Dingerdissen mit allen Provenienzmerkmalen wissenschaftlich erschlossen und ist schon jetzt Interessenten teilweise zugänglich.

    Vgl. Ulf Dingerdissen: Lesespuren in der Casa di Goethe. Die Bibliothek des Deutschen Künstlervereins in Rom. In: Kulturinstitute im Horizontwandel. 50 Jahre AsKI e.V. Hrsg. von Wolfgang Trautwein und Ulrike Horstenkamp. Bonn 2018, S. 32–41.

    Michael Knoche